Mit dem Dampfkessel zum Millionär:

Wie Troma mit Trash-Filmen im Low-Budget-Segment Erfolg hatte

Popcorn-Filme abseits des Mainstreams - und ein spezieller Publikumtest …

Dies ist ein Bonus-Kapitel zum Buch Hollywood für Sparfüchse. Es schildert, wie ein Low-Budget-Filmemacher aus New York abseits des Mainstreams seinen Weg zum Erfolg fand, indem er genau die Filme verwirklichte, von denen er immer geträumt hatte. Der Mann findet Nachahmer in Deutschland.

Januar 2015, New York. Neunte Avenue, Höhe fünfzigste Straße. Einheimische nennen die Gegend “Hell’s Kitchen”. Neben einem McDonald’s steht ein dreistöckiges Backsteingebäude, das seine besten Zeiten tief im letzten Jahrhundert hatte. Trash-Fans weltweit kennen es als das “Troma Headquarter Building”, dem Sitz der legendären Independent-Produktionsfirma “Troma”. Das Großraumbüro im ersten Stock ist das Herz der Firma. An den Wänden hängen Troma-Filmplakate wie “Chopper Chicks in Zombietown” oder “Surf Nazis must die”.

Wer sich im Gebäude umschaut, entdeckt Filmrequisiten wie schaurige Plastiknasen, abgerissene Gummiarme, grausig zugerichtete Latexköpfe und Minimonster. In den oberen Etagen lagern Filmdosen, Kassetten neben eingestaubten Schneidetischen und Projektoren.

Erfolgsgeheimnisse von Billigfilmern aus den 50er-Jahren bis heute

Mittendrin im organisierten Chaos sitzt ein gut gelaunter Lloyd Kaufmann, der Troma Inc. vor mehr als 30 Jahren gründete. Bis heute veröffentlicht Kaufmann frei finanzierte Low-Budget-Streifen. Markenzeichen: krasse Handlung, attraktive Hauptdarstellerinnen. Kaufmann präsentiert seine Filme bei den Festspielen in Cannes, vertreibt Troma-DVDs und verkauft weltweit Lizenzen, in den letzten Jahren verstärkt nach Europa.

Mit Lizenzen zum Vermögen

Kaufmanns unkonventioneller Geschmack spiegelt sich in seinem Auftritt: Von Geschäftspartnern wurde er bereits mit gewagten Krawatten, Hochwasserhosen und rosafarbenen Strümpfen gesichtet. Sein Mitstreiter Michael Herz könnte kaum gegensätzlicher sein: Sonnengebräunt und immer korrekt gekleidet spornt er im Troma Headquarter Building das Troma-Team zur Arbeit und ein bisschen mehr Ordnung an. Mit durchaus mäßigem Erfolg, denn die Bezahlung der langjährigen Mitarbeiter, die sich mittlerweile zur sogenannten Troma-Family zugehörig fühlen, ist schlecht, urteilt zumindest ein Reporter des deutschen “Cinema”-Magazins, der das Troma Headquarter Building besuchte. Sogar gänzlich ohne Gage arbeiten immer neue Volunteers, die Troma über seine Homepage troma.com anwirbt.

Tromas einzige Großverdiener dürften Michael Herz und Lloyd Kaufmann sein. Ihr Vermögen steigt durch die gut laufenden Lizenzgeschäfte mit ihren Filmen. Heutzutage nehmen sie auch Fremdfilme mit in ihren Vertrieb, wenn sie thematisch zum Troma-Programm passen.

Die Meister des Trash-Movies veranstalten für Kabelsender “Troma-Nights”, in denen bis zu drei Troma-Spielfilme hintereinander laufen. Die Moderationen werden gleich im Headquarter produziert, ab und zu huschen dabei leichtgeschürzte Amazonen, “Trometten” genannt, durchs Bild - Kaufmann und Herz bedienen hemmungslos den Publikumsgeschmack.

Ein deutscher Independent-Filmer greift das Erfolgsrezept auf Das Erfolgsrezept von Kaufmann und Herz: Sie produzieren billig Trash-Kultfilme mit Inhalten, die politisch völlig unkorrekt und von keiner Firma sonst gefilmt werden. Die Filme sind frei finanziert, kein Verleiher, keine Filmförderinstitution oder Fernsehanstalt kann große Teile der Einnahmen abgreifen wie in Deutschland.

Ein ähnliches Prinzip verhilft dem deutscher Independent-Filmer Swen Goebbels aus der Region Aachen seit neuestem zu steigenden Einnahmen. Goebbels hat sich darauf spezialisiert, attraktive Damen bei immer der gleichen Handlung abzufilmen: Frauen, ausgestattet mit Highheels, reichlich Rundungen und wenig Textilien werden mit einem PS-starken Boliden in ein Schlammloch geschickt. Sie sollen versuchen, das Auto wieder flott zu bekommen - die Filmkamera läuft mit …

Schräg? Absolut. Und erfolgreich. Der Absatz der Schlammfilme steigt stetig an, die Website carstuckgirls.com ist Kult.

50 Löcher retten das Budget

Mit wenig Geld viel Film produzieren: Schon ein halbes Jahrhundert vor Goebbels wussten Independent-Filmer dadurch zu überleben. “Wie ich in Hollywood Hunderte von Filmen machte und dabei nicht einen Cent verlor” - der Titel von Roger Cormans Autobiografie umreißt seinen unternehmerischen Erfolg als Billigfilmer in einem Satz. “The Monster from the Ocean Floor” hieß 1954 der erste Film, den er heraus brachte. Er brauchte sechs Tage, um ihn abzudrehen.

Corman drehte legendäre Streifen wie “Man with the X-Ray Eyes” mit Ray Milland in der Hauptrolle. Die Dreharbeiten für “Der Rabe” waren früher als gedacht zu Ende und das Studio stand noch drei Tage zur Verfügung. Corman schrieb und inszenierte in den drei Tagen “The Terror”.

Seine Filme sind keine cineastischen Meisterwerke, aber immer auf der Höhe des Zeitgeistes. Bereits drei Jahre vor “Easy Rider” (1969) setzte er Peter Fonda aufs Motorrad und ließ ihn als Chef einer bekifften Motorradgang in “The wild Angels” jede Menge Kleinholz produzieren. In späteren Jahren inszenierte Corman kaum noch selbst, sondern ließ als Produzent andere Regisseure für sich drehen. Zum Ende der budgetierten Drehtage wurden Cormans Regisseure regelmäßig nervös: Corman pflegte am Set zu erscheinen und unbelichtete Filmrollen in seinen Kofferraum einzuschließen - Drehschluss. Der Regisseur hatte den Film gefälligst aus dem vorhandenen Material zu montieren.

Ebenso rigoros im Einhalten von Budgets und mindestens so erfolgreich wie Corman war Samuel Z. Arkoff, bei dem Kinolegenden wie Francis Ford Coppola und Jack Nicholson ihre erste Chance vor oder hinter der Kamera erhielten. Der junge Roger Corman erhielt bei Arkoff seine Lektion zum Thema Sparfilmen. Für 29.000 Dollar drehte er im Auftrag Arkoffs den Streifen “The Beast with 1.000.000 Eyes” innerhalb einer Woche und wandte sich dann dem nächsten Projekt zu. Im Schneideraum stellte Arkoff erschrocken fest, dass auf dem belichteten Material nirgendwo das Monster mit den 1.000.000 Augen zu sehen war. Erbost rief er Corman an.

“Was verlangst du bei einem Budget von 29.000 Dollar?”, erwiderte Corman.

“Bastelt euch euer Monster gefälligst selbst!”

Was Arkoff tat: “Wir organisierten einen Teekessel, bohrten 50 Löcher rein und brachten ihn gehörig zum Dampfen. Fertig war das Beast with 1.000.000 Eyes.”

Kino ist Popcorn-Business

Für den Erfolg Arkoffs entscheidend waren neben den knappen Budgets die durchschlagkräftigen Titel der Filme. Die stammten von James Nicholson, der mit Arkoff 1954 die gemeinsame Produktionsfirma “American International Pictures” mit 3000 geliehenen Dollars gründete. Arkoff erinnert sich: “Er setzte sich meist nachts hin und schüttelte am nächsten Morgen ,I was a Teenage Werewolf’ oder ,The Amazing Colossal Man’ aus dem Ärmel.”

Für Arkoff war der Titel der erste Schritt. Danach kam der Plakatentwurf dran. Den Entwurf zeigten Arkoff und Nicholson Schülern von Highschools. Fuhren die Kids auf die Präsentation ab, wurden Drehbuchautoren beauftragt und das Movie gefilmt. Arkoff: “Kino ist im Grunde Popcorn-Business. Meine Filme sind Produkte, die sich nach dem Markt richten.” Seine Streifen sollten schneller, härter und spektakulärer sein als die der Konkurrenz. Nach dem Muster funktioniert das Filmgeschäft bis heute …

Hatte Arkoff ein Erfolgsrezept gefunden, variierte er es bis zum Geht-nicht-mehr. Ebenfalls ein Verfahren, das immer noch mit Erfolg angewandt wird. Arkoffs Beachparty-Film “How to stuff a wild Bikini” folgte “Bikini Beach”, dann “Beach Blanket Bingo”. Untertitel: “Was passiert, wenn 5000 Jungs 5000 Mädchen auf 5000 Handtüchern treffen”.

Im Grund drehen sich Erfolgsfilme um “Blood, Breasts und Beasts”. Mit diesen drei Worten benennt der B-Filmkritiker Joe Bob Briggs das einfache Geheimnis kommerziell erfolgreicher Filme. Arkoff beschreibt sein Erfolgsrezept so: “Ein Schocker und ein Lacher pro Filmrolle.” Die Plots dazu ließ er aus älteren Erfolgsfilmen zusammenbauen und kreierte so in Serie Kassenerfolge. Vorbilder waren B-Filme aus den 30er Jahren. Zum Beispiel “Dracula” oder “Frankenstein”: Klassiker aus den Universal-Studios. “Wir wollten Teeanger anlocken, also brauchte der Plot ein paar moderne Zutaten, einen Schuss Jugend. Nichts im Kino ist neu, aber es muss neu aussehen”, erklärt Arkoff und verweist auf die “Star-Wars”-Filme. “Das sind im Grunde Western. Da lungern die außerirdischen Gorillas an der Bar herum wie einst die Cowboys.”

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