Als Hollywood noch bei Harburg lag

Im Studio ließ die Knef die Hüllen fallen

Skandale, Stars und Sensationen

Die berühmteste Nacktszene de… ...
Die berühmteste Nacktszene des deutschen Films - in Bendestorf vor den Toren Hamburgs wurde sie gedreht: Die blutjunge Hildegard Knef räkelte sich komplett hüllenlos unter freiem Himmel. Als der Film "Die Sünderin" in den 50er Jahren herauskam, machte er Skandal – und Hildegard Knef zum Weltstar.

“Die Szene wurde bei uns im Garten gemacht”, sagt Anne-Marie Kurth. Sie sitzt mir gegenüber, 93 Jahre alt. Damals betrieb sie den “Gasthof Kurth” in Bendestorf, die Filmstars gingen ein und aus. Anne-Marie Kurth: “Aber mit der Nacktszene der Knef, das war alles ganz anders.”

Techniker kappten Baumwipfel, der Regisseur Willi Forst brauchte mehr Sonnenschein in Kurths Garten. Die Filmcrew baute zusätzliche Scheinwerfer auf; endlich konnte Forst drehen. Da sagte die Knef: “Hier ziehe ich mich doch nicht aus, da hole ich mir einen Schnupfen!” Kurth: “Sie war damals schon ein Star in Deutschland, konnte sich das erlauben.” Also machte Forst die Aufnahme mit einem Double, einer Dorfschönheit aus Bendestorf.

Anschließend wurde die komplette Garten-Szenerie im Bendestorfer Studio nachgebaut. In der wärmeren Halle war Hildegard Knef dann bereit, die Hüllen fallen zu lassen. Der Regisseur besaß die berühmteste deutsche Nacktszene nun zweimal … Beim Sichten der entwickelten Muster entschied er sich für die echte Knef im künstlichen Garten.

Es war die richtige Entscheidung. Keine andere Frau spiegelte damals wie Hildegard Knef den sich ändernden Zeitgeist und das beginnende Wirtschaftswunder. Hohlwangig und herb hatte sie direkt nach dem Krieg in Trümmerfilmen mitgespielt. Anfang der 50er Jahren waren die gröbsten Trümmer beiseite geräumt und die Knef gab sich nun elegant. Ihr Erscheinen in Bendestorf war Sensation: Sie trug ein flaschengrünes Honan-Kleid (kostbare chinesische Seide), das ihre noch fraulicher gewordene Figur betonte. Kulissenschieber Otto erinnert sich: “Sie sprach ruhig, strahlte eine faszinierende, kühle Schönheit aus. Die Leute schauten sich um nach ihr.”

Regisseur Willi Forst arbeitete wie ein Besessener mit Hildegard Knef und der Filmcrew: fünf Wochen lang zwölf Stunden täglich. Forst ließ im Bendestorfer Studio eine luxuriöse Wohnzimmerdekoration aufbauen. Kristalllüster an der Decke, Intarsien-Tischchen, Samtcouches. Schauspieler, Filmarbeiter wateten durch tiefe Teppiche und flüsterten bloß – Forst verlangte größtmögliche Ruhe, konzentrierte seine Kraft, um einen neuen Stil im Nachkriegsfilm zu schaffen: Weicher sollte der Filmlook werden, fast glatt schon, kühl und zugleich erotisch; weniger ernüchternder (Trümmer-)Realismus, mehr Stoff zum Träumen, mehr Erfolgsaussichten an der Kinokasse.

Genau dafür hatte Studiochef Rolf Meyer den Regisseur Forst engagiert. Meyer haftete mit seinem Privatvermögen für das Bendestorfer Studio und die von ihm produzierten Filme. Sein Vorbild waren die großen Studios in Hollywood: Meyer hatte neue Filmhallen in Bendestorf mit Krediten hochgezogen, Stars engagiert, 70 Menschen in der Verwaltung seiner Jungen Film-Union eingestellt und aufwändige Kinofilme wie am Fließband produziert. Nur leider war bisher kein richtiger Hit dabei gewesen. Jetzt brauchte er einen durchschlagenden Erfolg, um finanziell zu überleben; Willi Forst und die Knef sollten ihn bringen.

Sie brachten etwas ganz anderes: einen Skandal, der das Studio an den Rand des Abgrunds brachte.

Foto: National Archief, Koch, Eric, Anefo, Wikimedia Commons, CC - Bearbeitung Sauerland

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