Als Hollywood noch bei Harburg lag

Wie eine Putzfrau den Anstoß gab für eine der erfolgreichsten deutschen Filmproduktionen

Nach dem verlorenen Krieg produziert ein westdeutsches Filmstudio Publikumserfolge in Serie

Es gab eine Zeit, da war Bende… ...
Es gab eine Zeit, da war Bendestorf bei Harburg das Zentrum der deutschen Filmproduktion. Wie Phönix aus der Asche stieg das Bendestorfer Studio nach dem letzten Krieg auf, und die großen Stars des deutschen Films rissen sich darum, in dem Heidedorf zu drehen.

Vor 50 Jahren wurden in Bendestorf einige der einflussreichsten Filme der jungen Bundesrepublik gedreht. Diese Serie beschreibt die große Zeit des Bendestorfer Studios.

Das Unglück einer Putzfrau brachte das Glück zu Hunderten von Kindern: Diese Putzfrau, ihr Name ist heute vergessen, war 45 Jahre alt und Mutter eines Sohnes …

Wenn der Hausmeister um acht Uhr die Redaktionsräume der Fernsehzeitschrift Hör Zu in Hamburg aufschloss, hatte die Putzfrau längst alles gewischt und war verschwunden - niemand aus der Redaktion bekam sie zu sehen. Niemand, außer dem Chefredakteur Eduard Rhein, der einmal schon um sieben Uhr morgens erschien, um Manuskripte zu sortieren.

Die Putzfrau bog um die Ecke, und der überraschte, noch unrasierte Eduard Rhein erschrak.

“Wo kommen Sie denn her?”, fragte er.

“Aus Astpreußen.” Sie sprach das “O” wie “A”.

“Von wo dort?”

“Könisberrsch.”

Rhein reagierte unvorhersehbar. Bitter beklagte er, in Königsberg im Krieg ein komplett ausgearbeitetes Manuskript für ein Buch verloren zu haben: “Schuld ist Hitlers verfluchter Krieg!”

Sie antwortete ruhig. “Mein Mann ist im Krieg in Polen gefallen. Das war schrecklich genug. Aber dass ich dann auf der Flucht vor den Russen meinen dreijährigen Jungen verloren habe … Was ist der Verlust Ihrer Arbeit dagegen? Sie werden neue Bücher schreiben, aber mein einziges Kind …” Sie ging hinaus, damit er ihre Tränen nicht sah.

In diesem Augenblick wusste Eduard Rhein, was er zu tun hatte. Er startete am selben Tag eine öffentliche, langjährige Suchaktion für verlorene Kriegskinder in Deutschland. Und er begann, die Vorlage zu schreiben für den erfolgreichsten Film des Jahres 1956: “Suchkind 312”, gedreht in den Bendestorfer Studios vor den Toren Harburgs.

In der Mitte der 50er Jahre war Bendestorf das Mekka der deutschen Filmbranche, hier wurden die großen Kinofilme gedreht. Beinahe selbstverständlich, dass auch ein Stoff wie “Suchkind 312” in den Bendestorfer Hallen zu Film gemacht wurde: Denn die Geschichte hatte in den Monaten zuvor zuerst die Auflage der “Hör Zu” in neue, zuvor unvorstellbare Höhen schnellen lassen und danach als Buch die Bestsellerliste erobert.

Schon damals gingen Filmleute gern auf Nummer sicher und kombinierten einen Stoff, der sein Massenpotential bewiesen hatte, mit einem Filmstudio, von dem man wusste, dass es zugkräftige Filme produzieren konnte. Die Rechnung ging auf. Der Film “Suchkind 312”, im letzten Quartal 1955 in Bendestorf fertig gestellt, wurde im darauf folgenden Jahr zum großen Filmerfolg.

Regisseur Gustav Machaty (drehte u.a. “Es geschah am 20. Juli”) und Erfolgsproduzent Alfred Bittins waren in Bendestorf dicht am Puls der Zeit. Bundeskanzler Konrad Adenauer besuchte gerade Moskau, erreichte zehn Jahre nach Kriegsende endlich die Freilassung der letzten 10.000 deutschen Kriegsgefangenen, die noch immer in sibirischen Arbeitslagern schufteten.

Tagsüber jubelten die Deutschen den Spätheimkehrern an den Bahnhöfen zu – abends stürmten sie die Kinokassen: “Suchkind 312” ist die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern. Ihr Ehemann taucht plötzlich aus jahrelanger sibirischer Kriegsgefangenschaft wieder auf. Sie aber hat mittlerweile einen Oberregierungsrat geheiratet und ihm ein Kind geboren. Auch von ihrem ersten Mann hat sie ein Kind … Wie soll sie sich entscheiden?

Machaty und Bittins wollten Paul Klinger für die Hauptrolle: Ein Star damals, Klinger war im “Suchkind”-Produktionsjahr bereits für fünf Kinofilme gebucht. Aber bei dem Bendestorfer Film wollte er unbedingt dabei sein. Er wusste, dass Thema des Films wühlte die Deutschen auf. Damals, vor 50 Jahren.

Foto: Sauerland - Bearbeitung Sauerland

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